Zu Hilary Putnam: "Die Natur mentaler Zustaende" (c) 2001-04-22 Fabian M. Suchanek http://suchanek.name/texts/summaries/putnam.txt In "Die Natur mentaler Zustaende" stellt Hilary Putnam seine Hypothese ueber das Wesen des Schmerzes (oder allgemein psychischer Zustaende) auf. Basis seiner Hypothese ist die Annahme, dass alle Organismen, die Schmerz empfinden koennen, als probabilistische Automaten aufgefasst werden koennen. Damit kann man bei Organismen von "funktionalen Zustaenden" sprechen und Putnam schlaegt nun vor, den Schmerz eines Organismus' mit einem solchen funktionalen Zustand zu identifizieren. Im Folgenden werden die Vorteile dieser Hypothese gegenueber der Gehirnzustandshypothese erwaegt: Letztere behauptet im Grunde genommen, dass saemtliche psychischen Zustaende eines Organismus physisch-chemischen Zustaende seines Gehirns sind. Nach Putnam muessten zur Bestaetigung dieser Hypothese physisch-chemische Gehirnzustaende spezifiziert werden, die bei _allen_ Organismen exakt mit den entsprechenden psychischen Zustaenden korrelieren. Es ist offensichtlich, dass es kaum moeglich ist, fuer alle gemeinsamen psychischen Zustaende wie Hunger, Schmerz etc. spezies-unabhaengige Gehirnzustaende auszumachen. Demgegenueber ist es einfacher, eine spezies-unabhaengige Beschreibung funktionaler Zustaende zu finden. Hilfreich dabei koennte zum Beispiel sein, dass Tiere bei bestimmten psychischen Zustaenden (Hunger, Schmerz etc.) aehnliches Verhalten zeigen wie wir Menschen, ja dass wir psychische Zustaende von Tieren sogar ueber die Aehnlichkeit ihres Verhaltens mit dem unsrigen identifizieren. Die Aehnlichkeit des Verhaltens und der "Uebergangswahrscheinlichkeiten" aber legt die Aehnlichkeit der funktionalen Organisation nahe. Darueber hinaus wuerde eine spezies-unabhaengige Theorie funktionaler Zustaende eine praezise Definition des Begriffs "psychischer Zustand" mit sich bringen. Auch der Hypothese gegenueber, dass psychische Zustaende Verhaltensdispositionen sind, hat die funktionale Theorie einige Vorteile. Zunaechst mag es der Theorie der Verhaltensdisposition angerechnet werden, dass wir Menschen psychische Zustaende anderer Organismen eben ueber deren Verhalten identifizieren. Bei genauerer Betrachtung jedoch stellt sich heraus, dass die Methoden, mit deren Hilfe wir Eigenschaften identifizieren keinerlei Aussagen ueber den tatsaechlichen Sachverhalt machen. Nach Putnam liegt das Hauptdefizit der Verhaltensdispositionshypothese darin, dass sie immer nur Aussagen der Form "X fuehlt A heisst X verhaelt sich so, als ob X A fuehlt" machen kann -- selbstbezuegliche und damit als Definition wertlose Aussagen also. Dieser Schwierigkeit unterliegt die funktionale Hypothese nicht: Sie kann Schmerzen als denjenigen funktionalen Zustand definieren, der mit sinnlichen Inputs von hohem negativem Wert (Schaden) fuer den Organismus verbunden ist. Ueberdies versagt die Verhaltenshypothese voellig, sobald man Organismen betrachtet, denen das motorische Verhalten (z.B. durch Verletzung oder Laesion) genommen ist: Sie koennen Schmerzen fuehlen oder nicht ohne dies durch Verhalten zu offenbaren. Ebenso ist der Mensch z.B. in der Lage Scherzreaktionen zu unterdruecken -- und trotzdem Schmerz zu fuehlen. Entscheidender Vorteil der funktionalen Hypothese ist hier, dass sie das Verhalten bei Schmerzen erklaeren kann, anstatt es als Grundlage der Erklaerung von Schmerzen benutzen zu muessen.