Zu Joseph Levine: "Materilismus und Qualia" (c) 2001-05-21 Fabian M. Suchanek http://suchanek.name/texts/summaries/levine.txt In "Materialismus und Qualia: Die explanatorische Lücke" arbeitet Joseph Levine sein Argument gegen den Materialismus aus: Nach Levine werden physikalistische Ansätze uns immer eine Erklärung des Quale des Schmerzphänomens schuldig bleiben und somit eine "explanatorische Lücke" hinterlassen. Zunächst greift Levine jedoch Kripkes Argumentation gegen psychophysische Identitätsaussagen auf. Kripke geht davon aus, dass sowohl das Wort "Schmerz" als auch die Beschreibung des korrelierenden pysiologischen Gehirnzustandes sog. "starre Bezeichner" sind. Soll eine Identitätsaussage bezüglich zweier solcher starr bezeichneten Entitäten wahr sein, so muss sie auch notwendig wahr sein. Kripke zeigt aber, dass Schmerz und Gehirnzustand keineswegs notwendigerweise in allen Welten identisch sein müssen -- und schließt damit auf die Falschheit der Identitätsaussage. Levine baut nun Kripkes Theorie aus und zeigt, dass auch der Funktionalismus von Kripkes Argumentation betroffen ist: Denn jegliche funktionalistische Theorie läuft letzten Endes auf Aussagen der Form "Schmerzen zu haben ist identisch damit, sich in einem bestimmten Zustand F zu befinden." hinaus. Die so getroffene Identitätsaussage unterliegt dann wiederum dem Zwang, in allen möglichen Welten wahr zu sein und kann widerlegt werden. Levine zweifelt jedoch an der Überzeugungskraft von Kripkes Argument, zumal es sich im Wesentlichen um einen Schluss von epistemischer Möglichkeit auf metaphysische Möglichkeit handelt. Levine möchte den intuitiven Widerstand gegen den Materialismus anders erklären. Dazu arbeitet er den Unterschied zwischen der Identitätsaussage bezüglich "Hitze" und "Molekularbewegung" und derjenigen bezüglich "Schmerz" und "Gehirnzustand" heraus: Die Gleichsetzung von "Molekularbewegung" mit "Hitze" ist nach Levine "vollständig explanatorisch", d.h. sie erfasst die gesamte kausale Rolle der Hitze und lässt keinen wichtigen Aspekt aus. Anders hingegen die Gleichsetzung von "Schmerz" mit "Gehirnzustand": Zwar wird die kausale Rolle von Schmerz im Groben auch hier erfasst, sein qualitativer Charakter jedoch nicht. Das Quale von Schmerz ist aber gerade ein wesentlicher Bestandteil unseres Begriffes von "Schmerz". Da sich phänomenale Eigenschaften der physikalischen Erklärung (bis jetzt) vollständig entziehen, müsste man die Korrelation dieses Quale mit dem Gehirnzustand als unerklärtes factum brutum akzeptieren. Levine beschäftigt sich nun mit der Frage, wann das Akzeptieren von facta bruta angemessen ist und wann man mit Recht mehr Erklärbarkeit verlangen kann. Offenbar gibt es auch in der Physik Tatsachen, die nicht weiter hinterfragt werden können (so beispielsweise die Werte der Naturkonstanten). Jedoch ist man hier eher geneigt, dies schlichtweg zu akzeptieren als im Falle der Korrelation von Quale und Gehirnzustand: Levine zufolge sind facta bruta lediglich in den grundlegendsten Bereichen der Physik akzeptabel, wohingegen eine primitive Tatsache im Bereich mentalen Lebens äußerst willkürlich erscheint. Schließlich hat sich der Materialismus die Erklärung sämtlicher psychischer Phänomene durch grundlegende Physik auf die Fahnen geschrieben -- mit diesem factum brutum versagt er an zentraler Stelle. Hier schließt sich der Bogen zu Kripkes Argumentation: Sobald nämlich der qualitative Charakter von Schmerzen nicht physikalisch durch den Gehirnzustand erklärt werden kann, wird Schmerz sofort ohne den Gehirnzustand vorstellbar -- die scheinbare Identität wird kontingent und somit widerlegbar. Aus dieser "explanatorischen Lücke" folgt jedoch nicht nur die Unzulänglichkeit des Materialismus, sondern nach Levine auch die Tatsache, dass wir die Wahrheit oder Falschheit psychophysischer Identitätsaussagen gar nicht feststellen können. Sobald man sich nämlich auf einen Schmerz-Gehirnzustand G festlegt, werden Wesen vorstellbar, die zwar über Schmerzen verfügen, keineswegs jedoch über ein dem unseren ähnliches Nervensystem, geschweige denn einen Zustand G. Die einzige Lösung dieses Dilemmas besteht offenbar in der Lockerung der Auffassung von der "Ähnlichkeit" physikalischer Zustände. Damit wird aber nicht nur die Beschreibung des Schmerz-Gehirnzustandes immer vager und willkürlicher, sondern man öffnet auch den Inversionsargumenten Tür und Tor. Solange keine intrinsische Verbindung zwischen Gehirnzustand und Quale gefunden ist, kann keinerlei Aussage über die Schmerzempfindung anderer Wesen gemacht werden -- woraus dann allgemein die epistemische Unzugänglichkeit psychophysischer Identitätsaussagen folgt. Levine befürchtet, dass die Auflösung dieses Problems nicht ohne die Vertretung einer weitaus eliminativistischeren Position möglich sein wird -- was die meisten materialistischen Philosophen jedoch ablehnen. In "Gedanken über Qualia" vertieft Levine das Argument der Erklärungslücke noch: Sogar einige der bekanntesten Argumentationen gegen den Materialismus können nämlich als Spielarten des Modells der Erklärungslücke gesehen werden. So beispielweise das "Wissensargument" von Frank Jackson: Angenommen, man habe sein gesamtes Leben in einer schwarz-weißen Umgebung verbracht, kennte aber die gesamten neuropysiologischen Grundlagen des Farbensehens. Dann wäre man trotz all dieses Wissens nicht in der Lage, zu beschreiben, wie es sich _anfühlt_, eine Farbe zu sehen. Und das liegt genau an der Erklärungslücke, die uns den Schluss von Physiologie auf Qualia unmöglich macht. Eine zweite Überlegung ist das "Problem ungewöhnlicher Realisierungen": Warum zögern wir nicht, einem Roboter eines Science-Fiction-Films Qualia zuzuschreiben, sprechen jedoch beispielsweise Blocks "China-Kopf" soetwas wie bewusstes Erleben ab? Levine sieht auch hier den Grund in einem mangelnden Verständnis des Zusammenhangs von Physiologie und qualitativer Erfahrung -- und damit letztlich in der Erklärungslücke. Das wohl bekannteste Argument gegen den Materialismus ist aber die "Zombie-These". Sie besagt, es könne Systeme mit einer funktionalen Organisation geben, die der unseren exakt gleicht, ohne dass diese Systeme bewusste Erfahrung hätten. Diese "Zombies" sind allerdings allein deshalb vorstellbar, weil wir unfähig sind, psychische Eigenschaften aus physischen zu erschließen -- und das genau ist wiederum die Erklärungslücke. Dieses letzte Argument gegen den Materialismus, die "Zombie-These", hat einige interessante Konsequenzen: Wenn nämlich ein Zombie mit einem Menschen funktional identisch sein kann, so folgt, dass der Zombie sich genau wie der Mensch Gedanken zum Leib-Seele-Problem machen kann. Wenn der Zombie sich dann weder physisch noch mental vom Menschen unterscheidet, so bedeutet dies letzten Endes sogar, dass der Mensch gar nicht entscheiden kann, ob er nicht selbst ein Zombie ist. Diese Möglichkeit bestreitet Levine jedoch: Die Zombie-These geht von der Prämisse aus, dass die epistemische Situation des Zombies dieselbe sein kann, wie die des Menschen. Wir Menschen sind jedoch in der Lage, uns Gedanken über unsere phänomenalen Erlebnisse zu machen, das heißt Gedanken, in denen diese Erlebnisse Teil des Inhalts des Gedankens sind. Der Zombie hingegen ist außerstande, seinen Gedanken phänomenalen Gehalt zu geben -- und damit vom Menschen unterscheidbar. Levine nennt diese Gedanken "phänomenal konstituiert". Diese "phänomenal konstituierten Gedanken" bringen aber nicht nur die Zombie-These zu Fall, sondern stellen auch für den Materialismus ein ernsthaftes Problem dar. Auch die High-Order-Theorie von Rosenthal und Lycans oder Blocks Unterscheidung zwischen "Zugangsbewusstsein" und "phänomenalem Bewusstsein" können dieses Phänomen nicht umfassend erklären: Erstere erzwingt eine Trennung zwischen Quale und Gewahrwerden des Quale, während letztere nicht beachtet, dass der "Zugang" untrennbar direkt zum Wesen des Quale gehört. Levine sieht in dieser zwiespältigen Natur des Quale (Erlebnis selbst und das Gewahrwerden) das "Problem der Dualität". Der Materialismus bietet einige Ansätze, das Problem der Dualität -- oder allgemeiner: das Problem der Subjektivität -- zu erklären: Man könnte beispielsweise einen phänomenalen Gedanken als denjenigen Gedanken definieren, der eine Überzeugung bezüglich eines Quale zum Inhalt hat. Es ist jedoch offensichtlich, dass es sich hier um eine bloße Neudefinition handelt, die der besonderen inneren Beziehung zwischen phänomenal konstituiertem Gedanken und Quale nicht gerecht wird. Darüber hinaus ermöglicht sie einen Skeptizismus bezüglich der Perspektive der eigenen Person: Es wird möglich, zu bezweifeln, ob die Überzeugung, ein phänomenales Erlebnis zu haben, tatsächlich mit einem solchen einhergeht. Nach Levine ist eine solche Vorstellung jedoch widersinnig. Eine andere Möglichkeit zur materialistischen Erklärung phänomenal konstituierter Gedanken besteht in der Gleichsetzung von Quale und seiner Repräsention. Ein Funktionalist könnte beispielsweise behaupten, Quale und phänomenal konstituierter Gedanke seien zwar zwei verschiedene funktionale Zustände, diese seien jedoch durch denselben physischen Zustand realisiert. Diese Aussage hat aber keinerlei explanatorischen Wert, da viele psychische Zustände durch denselben physischen Zustand realisiert sind. Fordert man darüber hinaus eine Identität von Quale und seiner Repräsentation, so gelangt man zur These der Selbstrepräsenation: Ein Quale könnte ein repräsentionaler Zustand sein, der sich selbst zum Inhalt hat -- beispielsweise ein Zustand mit dem Inhalt "Ich trete jetzt auf". Die Benutzung des indexlexikalischen Ausdrucks "Ich" leidet jedoch unter derselben explanatorischen Unzulänglichkeit wie andere mögliche Demonstrativa an dieser Stelle: Auch sie können die Substantialität und Bestimmtheit phänomenal konstituierter Gedanken, d.h. die kognitive Gegenwart des Quale, nicht erklären. Ersetzt man das Wort "ich" durch den Namen des Zustandes, so erklärt auch diese Selbstbezüglichkeit nicht die innige Beziehung zwischen Gedanke und Quale. Schließlich bezieht sich auch das Wort "Wort" auf sich selbst, ohne dass dadurch eine besondere Beziehung zwischen "Wort" und seiner Bedeutung zutage tritt. Der Materialismus bietet also über keinerlei befriedigende Erklärung für das Phänomen Quale-bezogener Gedanken. Darüber hinaus hat er keine Möglichkeit, die Dualität der Qualia, d.h. die Identität von Quale und Gewahrwerden der Quale, zu beschreiben. Damit häufen sich die Unzulänglichkeiten des Materialismus noch und die Erklärungslücke wird sogar größer.