Zu Christopher S. Hill: "Das Leib-Seele-Problem" (c) 2001-06-06 Fabian M. Suchanek http://suchanek.name/texts/summaries/hill.txt In "Vorstellbarkeit, Denkbarkeit, Möglichkeit und das Leib-Seele-Problem" versucht Christopher S. Hill, Kripkes Argument gegen die Identitätstheorie zu widerlegen. Er zeigt, dass die Vorstellbarkeit der Trennung von Schmerz und Gehirnzustand keinerlei Schlüsse auf deren tatsächliche Verschiedenheit zulässt. Dazu greift er eine Idee von Thomas Nagel aus "What is it like to be a bat" (1974) auf. Nagel unterscheidet 3 Arten der Vorstellung: Die symbolische, die sympathetische und die perzeptuelle. Die sympathetische Vorstellungsfähigkeit dient der Imagination mentaler Zustände (z.B. Schmerzen) und besteht aus dem Sich-Hinein-Versetzen in diesen Zustand. Bei einer perzeptuellen Imagination hingegen stellen wir uns vor, etwas externes wahrzunehmen (z.B. einen Gehirnzustand). Nagel hatte schon damals darauf hingewiesen, dass jegliche Verbindung von mentalem Erlebnis und physischen Gehirnzustand (unabhängig von ihrer Notwendigkeit) kontigent erscheinen muss, da wir uns aufgrund der zwei unterschiedlichen verwendeten Vorstellungsmechanismen stets das eine ohne das andere vorstellen können. Hill manifestiert Nagels Argument mit dem Verweis auf neuere neurobiologische Erkenntnisse (insbesondere die Experimente Shepards und die Forschungsergebnisse Finkes). Allerdings erlaubt Nagels Definition von perzeptueller Imagination nur die Vorstellung direkt wahrnehmbarer Gegenstände. Gehirnzustände sind aber nicht direkt wahrnehmbar. Jedoch lässt sich die Definition wie folgt auf zweierlei Weise erweitern: Erstens kann man sich einen Gehirnprozess vorstellen, indem man sich eine indirekte Wahrnehmung des Prozesses vorstellt (z.B. durch geeignete Messinstrumente). Zweitens könnte man sich eine wahrnehmbare Ereignisserie vorstellen, aus der man mithilfe eines wissenschaftlichen Modells auf einen Gehirnzustand schließen kann. (Vielleicht ermöglicht auch die hier nicht näher untersuchte symbolische Imagination die Vorstellung eines Gehirnzustandes. Schließlich können wir uns auch nicht direkt wahrnehmbare Zustände und Situationen ohne Umwege vorstellen.) Schmerz und Gehirnzustand sind also getrennt vorstellbar, da zwei unabhängige Imaginationsmechanismen involviert sind. Die Tatsache, dass beide Vorstellungen überaus unterschiedliche Erfahrungen hervorrufen, kann nicht als Argument gegen die Identität von Schmerz und Gehirnzustand gesehen werden: Auch die Vorstellung von Sandpapier (perzeptuell) und die Vorstellung von der Berührung des Sandpapiers (sympathetisch) produzieren vollständig verschiedene Eindrücke, ohne dass dadurch die Identität des Sandpapiers mit sich selbst in Frage gestellt würde. Ebenso widerlegt Hill die Annahme, dass Schmerz eine Eigenschaft haben müsste, die ihn mit dem Gehirnzustand verknüpft. Die Begriffe "Schmerz" und "Gehirnzustand" dienen der Klassifikation in unterschiedlichen Gebieten und können deshalb dasselbe denotieren, ohne eine Eigenschaft teilen zu müssen. (Es bliebe zu untersuchen, ob die Trennung in die verschiedenen Vorstellungsformen überhaupt notwendig ist, um die Auswirkung der Imagination auf die Realität zu widerlegen. Auch mit ein und derselben Vorstellungsform kann ich mir identisches in unterschiedliche Erscheinungsformen getrennt vorstellen.) Hill möchte nun auch begriffliche Einwände gegen die Identität von Schmerz und Gehirnzustand widerlegen. In einem Rückgriff auf Hill 1981 fasst er zusammen, dass mentale Erlebnisse und neurowissenschaftliche Beschreibungen nicht apriorisch verknüpft sind, womit es möglich ist, sich das eine ohne das andere vorzustellen. Sobald man dazu in der Lage ist, ist man geneigt, diese Trennung auch für real möglich zu halten. Hill fasst diesen Vorgang als psychologische Funktion auf, die zu einem Paar von Begriffen eine Möglichkeitsintuition liefert. Hill hält diese Funktion nun (anders als Kripke) für unzuverlässig. Die Argumentation dafür ist ihm ein leichtes, da er eine wichtige Prämisse Kripkes schlichtweg ignoriert. Wie Hill nur in der Fußnote auf S. 11 anmerkt, liegt für ihn der Grund der imaginären Trennbarkeit von Wärme und Molekularbewegung nicht in der Verwechselung von "Wärme" mit "Wärmeempfindung" sondern im Zusammenführen unterschiedlicher Vorstellungsbilder. Damit kann obige Intuitionsfunktion für die Begriffe "Wärme" und "Molekularbewegung" ein Vorstellungsszenario liefern, in dem die beiden Entitäten nicht identisch sind -- was sie in der Tat in hohem Maße unzuverlässig macht. Da auch unsere Intuitionen über Zombies und Körperlosigkeit letzten Endes auf einer solchen Funktion beruhen, ist gleichzeitig die Möglichkeit qualia-freier Mensch-Nachbildungen in Frage gestellt. Auch die offensichtliche Aposteriori-Qualität der Identität von Schmerz und Gehirnzustand ist nicht verwunderlich: Der Begriff "Schmerz" dient der Beschreibung introspektiver Information, wohingegen der Begriff "Gehirnzustand" sensorische Information beschreibt. Daher gehen mit beiden Begriffen vollständig verschiedene Erfahrungen einher. Unterschiedliche Erfahrungsgebiete machen aber die apriorische Feststellung einer Koreferenz auf natürliche Weise unmöglich. Hill schließt seine Überlegungen mit dem Hinweis, dass seine Argumentation keineswegs einen generellen Skeptizismus bezüglich unseres modalen Wissens nach sich zieht. Hill bezweifelt lediglich die Wirklichkeitsnähe einer bestimmten Klasse von Intuitionen -- und zeigt damit, dass Schmerz und Gehirnzustand allen Intuitionen zum Trotz identisch sein könnten.