Fabians Auslandssemester in Grenoble Studium Technologies de la Connaissance an der Universitaet Pierre-Mendes-France (c) 2003-04-05 Fabian M. Suchanek http://www.mpi-inf.mpg.de/~suchanek/personal -> texts ================================================================ Teil I ================================================================ 2002-09-18 Abfahrt 8:28 nachts. Mit der Deutschen Bahn geht es ungewoehnlich reibungslos bis nach Basel. Die Ansagen auf dem Bahnhof Basel und im Zug nach Genf sind bereits zweisprachig: Das schoene Staedchen "Laufen" heisst auf franzoesisch "Lofaenn", dann kommt, bereits gemischt-sprachig, "Neu-Chatel" und schliesslich, kurz vor Genf, bleibt der Zug einfach stehen und macht keine Anstalten, weiterzufahren. Nach einem franzoesischen Redeschwall durch die Bordlautsprecher schliesslich die deutsche Uebersetzung: "Jetz, es geht ueber-aupt nix maehr, steigaenn Sie all aus!". Wir steigaenn also all aus und stehen auf irgendeinem Bahnhof in irgendeinem schweizer Staedtchen. Nach einigem Hin und Her koennen wir schliesslich einen anderen Zug nehmen -- der allerdings mit merklicher Verspaetung in Genf eintrifft, sodass der Zug nach Grenoble weg ist. Das war auch gleichzeitig der letzte Zug nach Grenoble (es ist ja schliesslich bereits 18:00) und so muss ich ueber Lyon fahren. Der schweizer Schaffner schreibt fuer die franzoesischen Schaffner auf mein Ticket: "Connection interrompue, ne pas inquieter" -- Anschluss nicht bekommen, nicht aufregen... 2002-09-19 Mitternacht, Ankunft in Grenoble. Erfreulicherweise faehrt noch eine Tram, deren Endstation auch gleich die Universitaet ist. Mit meinem Koffer rassele ich quer durch das Universitaetsgelaende, finde auch die Residence Condillac und dort sitzt ein Pfoertner, der mir auch tatsaechlich einen Schluessel aushaendigt. An dieser Stelle sei fuer eventuelle Nachfolger gesagt: Der Vermerk im Zulassungsschreiben "Vous devez vous presenter au secretariat de la Residence aux heures d'ouverture" bezieht sich auf den naechsten Tag! Den Schluessel bekommt man auch so. Wohl dem, der das weiss, denn es ist quasi unmoeglich, nach einer 12-stuendigen Reise mit seiner Ankunft genau die Minuten des Tages zu erwischen, in denen das Sekretariat offen hat. Leichte Differenzen in Hausnumer und Postleitzahl zwischen Zulassungsschreiben und Realitaet sind normal. Nun halte ich also meinen Schluessel in den Haenden und steuere gluecklich auf mein neues Heim zu. Diese Gluecksgefuehle sollten sich jedoch sehr bald legen: Die Zimmer der "Residence" wuerden in Deutschland das Gesundheitsamt auf den Plan rufen. 9 Quadratmeter loecheriger Linoleumboden, die Tapete kommt einem entgegen, das Waschbecken verrostet, das Bett haengt durch, die vorgesehene Bettwaesche enthaelt kein Kopfkissen, der Spiegel broeckelt in das Waschbecken. Das Verhaeltnis von Leuten zu Duschen ist denkbar unguenstig (15/2), ebenso das der Toiletten. Insgesamt scheint umgekehrt das Verhaeltnis der Leute zu den Toiletten ebenfalls gestoert: Es gibt weder Klopapier noch Klobrille. Die Kueche ist ein gekachelter Raum mit einem Waschbecken und 2 (in Worten: zwei) Herdplatten. Sonst nichts: Kein Schrank, kein Geschrirr, keine Toepfe, kein Kuehlschrank, kein Ofen, nichts. Ich schiebe meinen Koffer unter das Bett, damit es nicht durchhaengt, nehme meine Jacke als Kopfkissen und schlafe. Angemessene Zeit spaeter stehe ich auf und stelle fest, dass man sich entweder an dem rechten Wasserhahn waschen kann (0 Grad) oder an dem linken (100 Grad). Ich entscheide mich fuer die Dusche -- die in der Tat funktioniert! Auf der Suche nach etwas zu Essen lande ich im Foyer der Residence. Der Fresskartenverkauf fuer die Mensa endet allerdings zu denkbar unguenstiger Zeit, naemlich vor 5 Minuten, um 13:30. Dafuer lerne ich meine Nachbarin Camille kennen, die mir eine Snackbar empfiehlt. Bei Tage besehen ist der Campus der Uni wirklich sehr grosszuegig ausgestattet: Busstationen, Tramstationen, Versicherungen, Bars, Restaurants, Wohnheime, Uni-Gebaeude, Bankfilialen -- fuer 55000 Studenten. Durch ein paar Pommes gestaerkt mache ich mich auf die Suche nach der fuer mich zustaendigen Dame, Mme Morel. Die allerdings arbeitet nur halbe Stelle und hat mit ihrer Wahl der Arbeitszeiten genau die Haelfte des Tages erwischt, in der ich normalerweise nicht draussen herumrenne. Freitag (morgen) hat sie ganz frei, ebenso Montag, es bleibt der Dienstag. Die Uni beginnt ja auch erst Montag. Etwas deprimiert mache ich mich auf zur Empfangshalle der Universitaet, wo man sich auch tatsaechlich einschreiben kann -- wenn man Franzose ist. Mir wird empfohlen, mich an das Auslaenderamt zu wenden. Die allerdings sind ueberzeugt, dass mein Studiengang nicht existiert. Ich insistiere aber hartnaeckig, und schliesslich fuehrt man mich in die Eingeweide des Buerogebauedes zu einer Frau, die sich etwas widerwillig meiner annimmt. Erst als sie versteht, dass ich wirklich gar nichts habe, gar nichts weiss und am Montag anfangen soll, wird sie hilfsbereiter und erklaert, dass sie zwar EIGENTLICH fuer die Studenten von Hintersamoa und Djibuti zustaendig ist, sich aber dieses Mal AUSNAHMSWEISE um mich kuemmert. Dankbar fuer soviel Entgegenkommen fuelle ich brav einen Stapel Formulare aus. Auf meine Bitte hin erfragt die gute Frau auch gleich Ort und Zeit eines Willkommenstreffens: Am naechsten Tag um 14:00. Da ich bis dahin nichts zu tun habe, fahre ich in die Stadt und hole mir vom Touristenbuero einen Stadtplan und einen Busplan: Es gibt zahlreiche Buslinien und 2 Strassenbahnlinien, der Campus wurde solidarisch in das Verkehrsnetz integriert. Das Nachbusnetz allerdings beschraenkt sich auf 4 Linien und um Mitternacht ist Schicht. Ich gondele ein bisschen umher und schaue schonmal die Oeffnungszeiten der wichtigen Gebaeude nach. Auf Camilles Rat hin fahre ich zum Supermarkt Geant (Buslinie 5, Belledonne), um mich mit dem Lebensnotwendigen einzudecken. Ein weiser Rat: Der Geant ist, wie der Name sagt, ein Supermarkt durchaus anstaendiger Groesse, in dem man nicht nur alles finden kann, sondern auch noch genuegend Zeit dazu hat: Montag bis Samstag bis 20:30. Ich lade meinen Einkaufswagen voll und kaufe all das, was ich eigentlich hoffte, in der Residence anzutreffen (Teller, Geschirr etc.). Doch Vorsicht ist geboten: An Essenssachen kann ich nur kaufen, was sich ohne Kuehlschrank haelt (=Nutella). Wieder zu Hause, finde ich einen Brief der Wohnheimverwaltung: Ich moechte bitte vor dem 19.9. meine Miete zahlen. Datum des Briefes: Heute, 19.9.. Ich entscheide mich, die Miete ordnungswidrig erst am naechsten Tag zu zahlen. 2002-09-20 Frueh am Morgen pilgere ich zum Sekretariat der Residence, um Miete zu zahlen und den Mietvertrag zu unterschreiben. Hoechst vorsorglich habe ich bereits nachgeschaut, was "abgefallene Tapeten" und "rostendes Waschbecken" heisst. Doch das ist gar nicht noetig: Freundlich laechelnd nimmt man das Geld und die Garantiesumme entgegen, keine Wohnungsbegehung, kein Vertrag, keine Unterschrift. Nur eine Quittung. Auch gut. Nun darf ich meine Spielfigur weiterruecken auf "Schliesse eine Versicherung ab". Die Dame im Sekretariat empfiehlt den Verein auf dem Campus. Dort erklaert man mir, die Versicherung koste 28 EUR und sei nur per Scheck oder Kreditkarte zahlbar. Gerade, als ich meine American Express Extra Gold zuecken will, faellt mir auf, dass ich die gar nicht besitze und mich doch lieber woanders versichern moechte. Ich fahre 3 Stationen mit der Tram zu einer Filiale der SMERRA. Dort bezahle ich fuer dieselbe Versicherung 15 EUR -- in bar. Der Vertrag enthalte nur Blahblah, ich solle einfach schnell unterschreiben, es sei gleich Mittagspause. Von mir aus. Es schlaegt 14:00. Eintreffen am Ort des Willkommenstreffens: Ein Hoersaal im BSHM-Gebaeude. Der ist auch schon voll und vorne erzaehlt ein Prof schon -- allerdings etwas ueber die mineralbiologischen Hintergruende der Bananenduengung. Etwas planlos irre ich durch das Gebaeude und suche schliesslich das Buero von Mme Morel auf. Die ist zwar nicht da, aber eine ihrer Kolleginnen. Nachdem ich kurz erklaert habe, was Technologies de la Connaissance ist, weiss die Dame zwar auch nicht, wo ein Willkommenstreffen sein koennte, fuehrt mich aber zu einem Haufen anderer Kolleginnen. Technologies de la Connaissance, so, so. Willkommenstreffen, nein, das wuesste man nicht. Man koennte sich aber an M Lemaire wenden. Oder, Moment... Ja, es gebe da etwas in Raum 121. Ganz tief hinten im Gebaeude uebergibt man mich schliesslich an M Lemaire -- der in der Tat gerade das Willkommenstreffen abhaelt. 7 Studenten, davon 2 Irinnen und der Rest Franzosen. Eine Hand voll Profs stellt sich vor, insbesondere M Lemaire macht einen aeusserst sympathischen Eindruck. Die zwei Irinnen fragen zwar smalltalk-gewandt nach meiner Herkunft und meinem Namen, zeigen aber kein besonderes Interesse, am Wochenende vielleicht mal die Stadt zu erkunden. So stehe ich nach dem Willkommenstreffen wieder auf der Strasse, mit einem laaangen Wochenende vor mir. Da dringen vertraute Laute an mein Ohr: Zwei deutsche Studentinnen diskutieren, wie man eine Aufenthaltsgenehmigung bekommt. Ich stelle mich dazu und wir tauschen unser Unwissen aus: Sie wissen nicht, wie man die Carte de Sejour bekommt und ich weiss nicht, wie man sich einschreibt. Mit Paulina mache ich mich auf den Weg zur Post des Campus, Rebecca ist krank und moechte nach Hause. Paulina ist offensichtlich in einer aehnlich heruntergekommenen Bruchbude gelandet wie ich. Es gibt zwei Kasten von Auslaendern: Die 6-monatigen (mit Wohnheimen wie Condillac) und die 12-monatigen (mit durchaus anstaendigen Unterkuenften). Wir kucken die Oeffnungszeiten der Post nach (zwecks Kontoeroeffnung) und verabreden uns fuer 10:00 am naechsten Tag: Es soll eine Unirundfuehrung geben. Sehr gut. 2002-09-21 10:00, bereits 3 franzoesische Studenten haben sich zur Unirundfuehrung eingefunden. 4 Fuehrer heissen uns in fliessendem, wortreichen Franzoesisch willkommen. Wie wir heraushoeren, handelt es sich um eine Vorfuehrung der Kunstwerke des Campus. Das ist zwar nicht unbedingt mein Spezialgebiet, aber vielleicht kann man ja auf diese Weise den Campus etwas besser erkunden. Um es kurz zu machen: Es steht eine Vielzahl an Steinkonstellationen auf dem Campus, deren Interpretation ihr Erscheinungsbild um ein Vielfaches an Tiefsinn uebersteigt. Auf meine Frage, warum man sich soviel Muehe mit der Kunst gegeben hat, aber dafuer die Gebaeude in doch relativ schlichtem Grau+Rost gehalten habe, erklaert man mir, dass gerade diese Schlichtheit der Gebaeude Zeuge der damaligen Zeit sei und durch ihre Einheitlichkeit ihren besonderen Charme habe. Ist mir noch gar nicht so aufgefallen. Wir erfahren, dass bei oeffentlichen Gebaeuden per Gesetz 1% der Investitionen in die Kunst geht. Mit meinem Zimmer in der Residence weiss ich auch, wo dieses eine Prozent dann fehlt. Die Fuehrung endet um 12:00 und man laedt uns zum naechsten Kunstkennertreffen am Mittwoch ein. Paulina und ich laecheln freundlich. Wir fahren in die Stadt. Die Tram fuehrt uns zum Viertel Notre Dame: Hier ist die Altstadt, nette Gaesschen, Bars, Cafes. Direkt gegenueber der Kirche Notre Dame kann man auch hervorragend Pommes-Sandwiches speisen. Dann kucken wir uns das Rathaus an. Hier hat man sich offensichtlich an der Residence Condillac orientiert: Ein riesiger Betonkasten, mitten in einem grossen, aber kuenstlich wirkenden Park. Da fahren wir lieber zur Bastille, die hoch ueber der Stadt auf einem Berg tront. Praktischerweise hat man eine Seilbahn installiert. Die faehrt quer ueber den Fluss hoch zu den alten Befestigungsanlagen. Von hier hat man wirklich einen fantastischen Ausblick auf die Stadt, die sich zwischen den Alpenriesen ergiesst. Gerade Flachlaender wie ich lassen sich ja von solch gigantischen Felsmassen leicht beeindrucken. Auf der Bastille gibt es noch eine Ausstellung zur Befestigung Grenobles -- und nach Westen raus einen Weg, der zu den in den Berg gehauenen Gaengen der Bastillebewohner fuehrt. Aus Kostengruenden beginnen wir den Abstieg per pedes. Der Aufstieg sei niemandem empfohlen: 300 Hoehenmeter per Treppe stellen wir uns aufwaerts nur halb so lustig vor wie abwaerts. Zu allem Ueberfluss ist die Strecke auch noch mit einem Trimmdich-Pfad versehen. Durch Zufall faellt mein Blick unten auf ein Plakat einer Ausgrabung, wir folgen dem Pfeil und kommen zur Kirche Saint Laurent, die ein Museum beherbergt. Am Empfang sitzt eine Dame, die uns freundlich erklaert, dass dies das Wochenende des Erbes sei. Zwar bekommen wir nichts vererbt, koennen aber dafuer alle Museen der Stadt gratis besuchen. Wir fangen mit Saint Laurent an: Das gesamte Kirchenschiff wurde abgetragen und darunter befinden sich die roemischen Grundmauern des Gebaeudes. Durchaus interessant, gerade fuer lau. Da es aber schon Abend ist, fahren wir nach Hause. Um 21:00 machen wir uns nochmal auf den Weg, um das abendliche Treiben der Stadt zu erleben. Viel zu erleben haben wir allerdings nicht gefunden: Zwar gibt es um Notre Dame herum ein paar belebte Gassen, aber ansonsten schien uns alles relativ ruhig -- der letzte Bus faehrt ja auch um Mitternacht. 2002-09-21 Tag des Erbes. Ich mache mich allein auf den Weg, um die Museen der Stadt zu erkunden. Da waere zunaechst das Musee de Grenoble: Eine recht grosse Kunstsammlung von alten Werken (gross und beeindruckend) ueber Statuen (schoen gemacht) bis hin zu modernen Werken (stark interpretationsbeduerftig). Sodann geht's zum Place de Verdun, wo die Prefecture Tag der offenen Tuer hat. Ich stehe 1 Stunde an, bekomme dafuer aber eine kostenlose Fuehrung durch die Saele dieses napoleonischen Palastes. Dabei faellt mir auf, dass sich die Franzosen beim Anstellen aeusserst lobenswert geduldig und fair verhalten. Dann schaue ich mir das Musee Dauphinois an, das am Berghang ueber einem netten Altstadt-Teil sitzt. Meinem Verstaendnis zufolge handelt es sich hauptsaechlich um Toepfereigegenstaende, dafuer ist die Ausstellung "Les gens des Alpes" und die ueber die Skifahrt sehenswert. Der Rekord beim Ski-Fahren liegt bei 240 km/h, ich hoffe, diese Geschwindigkeit dabei niemals zu erreichen. Mein Museums-Hopping endet plangemaess um 19:00 am botanischen Garten der Stadt (Jardin des Plantes). Dieser hat jedoch anders als im Papierchen angegeben nicht bis 20:00, sondern nur bis 17:30 auf. Ich begnuege mich mit einem Blick durch die Gitterstaebe (und glaube auch nicht allzuviel verpasst zu haben). Aehnlich geht es einem franzoesischen Ehepaar, das mich daraufhin anspricht. Wir unterhalten uns etwas und die beiden zeigen sich (obwohl Grenoblesen) auesserst kritisch gegenueber dem Stadtbild. Zuviel Betonkloetze habe man in die Gegend gebaut. Vorsichtig stimme ich zu... 2002-09-23 Ich bin zu nachtschlafender Zeit aufgestanden und fahre mit Paulina in die Stadt. Wir wollen die Behoerdengaenge erledigen. Dazu muss zunaechst ein Konto bei der Post eroeffnet werden, auf das die "Aide au logement" der CAF, der franzoesischen Sozialbehoerde, ueberwiesen werden kann. Angesichts meines Zimmers dachte ich zunaechst, "Aide au logement" wuerde sich auf psychologische Hilfe beziehen. Die Post am Bahnhof erweist sich als Fake, sie existiert nicht. Wir laufen daraufhin zu einer anderen Post, wo die zustaendige Dame sich aber mit unserem Wunsch so ueberfordert sieht, dass sie uns zu einer noch anderen Post schickt. Dort kommen wir nach 20 Minuten Warten auch dran. Eine Kontoeroeffnung gestaltet sich aber nicht so einfach, wie man sich das vorstellt. Man muss ein Treffen mit dem Finanzberater machen. Gut, machen wir einen Termin mit dem Finanzberater, fuer Donnerstag. Daraufhin begeben wir uns zum CROUS, der fuer Studenten zustaendigen Institution in Frankreich. Hier muessen wir ein von der Uni signiertes Formular stempeln lassen, um eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen zu koennen. Zwar hatten wir vorsorglich bereits die Oeffnungszeiten besorgt, die fuer Auslaender zustaendige Dame ist allerdings erst ab 13:00 da. Also gehen wir auf Rat eines anderen deutschen Studenten zu einer Versicherungsagentur in der Rue Saint Joseph 7, wo man sich an einem Computer das (10-seitige) Formular der "Aide au logement" ausdrucken kann. Danach gehen wir wieder zum CROUS. Hier lohnt es sich, zunaechst in den 3. Stock zu gehen, die Treppe im Flur zu nehmen und im 4. Stock direkt vor der Tuer der Auslaenderdame auf die Oeffnung um 13:00 zu warten. Vor der Tuer des 4. Stockes zur Haupttreppe warten naemlich bereits Heerscharen von ebenfalls stempelbeduerftigen Studenten. Die Dame ist dafuer aber total unkompliziert, nimmt das Formular und stempelt es einfach. Nun habe ich es eilig, um 13:30 beginnt mein erster Kurs. Paulina wird unterdessen zur Prefecture fahren (Place de Verdun, Mo-Fr 9:00-11:45, 13:45-15:30) und fuer uns beide die Aufenthaltsgenehmigung beantragen. Dazu braucht sie lediglich meinen Pass, Kopien des Passes, 3 Passfotos, Kopie der Versicherungsbestaetigung auf Franzoesisch, Geburtsurkunde und eine Kopie des Passes. Wenn's weiter nicht ist... 13:30, mein erster Kurs -- hauptsaechlich gekennzeichnet durch die Abwesenheit des Dozenten. Dafuer lerne ich meine Mitstudenten kennen: Virginie, Cecile und zwei Afrikaner, deren Namen ich mir nicht merken konnte. Als kein Dozent auftaucht, gehen wir nach Hause. Um 15:00 ist der naechste Kurs, wo ebenfalls kein Dozent auftaucht. Wir treffen uns wieder um 17:00 fuer die naechste Veranstaltung, die ebenfalls nicht stattfindet. Am Abend nocheinmal Krisensitzung mit Paulina, deren Behoerdengang erfolglos blieb: Die Carte de Sejour kann nur morgens beantragt werden (9:00-11:45). Man sollte allerdings noch vor 9:00 da sein, um ueberhaupt dran zu kommen. Was die Uni angeht, auch bei Paulina gedaempft Stimmung: Ihr Kurs war nicht dort, wo er laut Aushang sein sollte, sodass sie nicht hingehen konnte. Wir gehen ein bisschen im Geant einkaufen. 2002-09-24 Die Franzosen sind in der Tat ein Nacht-Voelkchen. Dieses laesst sich unschwer an den Vorlesungen erkennen, die stets zu Zeiten beginnen, wo fuer Osnabruecker Studenten eben noch Nacht ist. Heute stehe ich um 7:00 auf und stelle mit Erleichertung fest, dass es keinen Stau vor den Duschen gibt. Um 8:00 ist "Maths". Der Dozent, M Rachdi, beginnt mit einer kleinen Wiederholung der linearen Algebra, sodass wir Auslaender einigermassen Fuss fassen koennen. Ob dem Kurs allerdings die Weihe meiner staendigen Anwesenheit zuteil wird, werde ich noch entscheiden. Nach dem Kurs treffe ich endlich Mme Morel, die fuer uns zustaendige Sekretaerin. Freundlich erkundigt sie sich nach meinem Wohlergehen, Unterkunft und Kursen. Vorsichtig vermittele ich die Realitaet. Mme Morel versteht, dass es nicht ganz einfach fuer mich war, und zeigt mir das schwarze Brett und das Sekretariat des Studiengangs. Auch eine Einfuehrungsveranstaltung werde es geben. Um 14:00 dann eine Vorlesung zu Graphen und Komplexitaeten von M Caylux. Auch hier haben Osnabruecker Studenten mit Vornbergers InfoA vermutlich vertretbare Grundlagen. Am Nachmittag starte ich erste erfolglose Versuche, dieses Tagebuch ins Netz zu stellen: Die Rechner hier sind kleine, etwa flaschengrosse Kisten -- ohne Diskettenlaufwerk. Vielsagend: Oben drauf befindet sich ein einladend grosser Reset-Knopf Marke "Hau mich!". Der fuer diesen Nachmittag geplante Informatik-Kurs faellt die erste Woche aus. Das hat man uns gluecklicherweise auf dem Willkommenstreffen gesagt, am schwarzen Brett ist davon nichts zu erahnen. Das ist jedoch nicht weiter schlimm: In der Maitrise (hoeheres Semester) sind wir nur 7 Studenten, sodass Informationsvermittlung und Unterricht auf sehr persoenlicher Ebene ablaufen. Und in der Licence (tieferes Semester) sind einfach so viele, dass es nicht weiter auffaellt, wenn einige den Raum nicht finden. Die beiden Afrikaner heissen im Uebrigen Maulik und Asissi, die beiden Irinnen Marianne und XXXlan, wobei XXX eine mir undurchsichtige Vokalkonstellation ist, die sich aber wie "i" spricht. Am Abend erwische ich Camille, meine Zimmernachbarin. Wir essen zusammen zu Abend. Sie bereitet eine Marmelade-Banane-Joghurt-Mischung und ich stelle zur Verfuegung, was ich habe: Brot, Schokoladencroissants, Nussmarmelade (Nutella), Wurst (die einzige, die sich ohne Kuehlschrank haelt und die ich mangels schneidenen Messers in Direktzufuehrung verzehre) und deutsche Suessigkeiten. Camille erzaehlt, dass sie diesen Morgen um 7:30 Kurs hatte. Nachdem ich mich wieder beruhigt habe, versuchen wir, ein paar Worte auf deutsch zu wechseln -- was sich als aeusserst langwierig erweist. Dafuer unterhalten wir uns ganz nett auf Franzoesisch. Camille ist Science-Fiction-Fan, kennt allerdings nicht "Per Anhalter durch die Galaxis". Das muss sie natuerlich unbedingt nachholen. 42. Pardon. Um 20:00 kommt Paulina vorbei, die mir nur kurz sagt, dass sie den Termin bei der Post zur Kontoeroeffnung nicht wahrnehmen kann. Dann werde ich mir mein Konto eben im Alleingang erstreiten. 2002-09-25 Wintereinbruch: Draussen werden hohe Frischegrade erreicht -- drinnen allerdings auch, da ich noch nicht herausgefunden habe, wie man die Heizung anstellt. Gluecklicherweise habe ich eine Zange dabei. Um 8:00 wieder Mathe mit M Rachdi, der sich nach groesseren Brocken immer sehr freundlich bei jedem von uns erkundigt, ob wir das gerallt haben. Es geht um Eigenvektoren, mir (und vielleicht auch einigen der Leser) bis dato unbekannte Geschoepfe. Danach Kuenstliche Intelligenz bei M Lemaire. Dieser Herr macht einen wirklich offenen und sympathischen Eindruck und verliert auch bei den verworrensten Formelschaufeleien nicht sein Laecheln. Braucht er auch nicht: Bei zwei Stunden Praedikatenlogik nur eine falsche Klammer! Es ist mir allerdings nicht ganz klar, wie die zahlreich anwesenden DEUG-Psychologie-Absolventinnen Praedikatenlogik, Quantoren und Hornklauselumformung in dieser kurzen Zeit schnallen sollen. Diesen Kurs brauche ich vermutlich nicht, da ich mich ja durch Lenzens Logik ausreichend bewaffnet fuehle. Am Mittag gehe ich auf Camilles Rat hin nicht in die Mensa in der Residence Condillac (wo sich letztes Mal meine gesamten Hoffnungen in die franzoesische Kueche zerstaeubten), sondern in die Mensa Barnave. An dieser Stelle sei kurz angemerkt, dass das franzoesische Wort "Restaurant" einfach "Mensa" heisst -- ebenso wie ja "Residence" "Bruchbude" heisst. Hier treffe ich zum erstenmal die beruechtigten Bodentoiletten an: Ein Loch im Boden mit zwei Markierungen fuer die Fuesse, also die technische Weiterentwicklung der Toiletten in Condillac, die ja schon keine Brillen mehr haben. Dafuer ist das Essen wirklich gut. Fuer eine Fresskarte (2,5 EUR) bekommt man hier: 1 Teller Fleisch oder Fisch, 2 Gemueseteller (wobei Pommes als Gemuese zaehlen), 1 Brot, 1 Kaesestueck, 1 Joghurt und Wasser soviel man will. Bei dem Wasser handelt es sich natuerlich um das bewaehrte Eau de Leitung, was aber durchaus anstaendig schmeckt. Nach dem Essen mache ich mich auf zur Erkundung des Gewerbegebietes im Sueden des Universitaetsgelaendes. Hier gibt es eine Aldi-aehnliche Institution namens "Ed". In der Tat sind hier die Essenssachen viel billiger als im Geant. Auf dem Rueckweg treffe ich sogar noch einen Lidl an. Den Nachmittag verschlafe ich. Das Kursangebot beschraenkt sich auf LISP und Analysis, die ich beide schon mal kennengelernt habe. Dann checke ich kurz im Auslaender-Compi-Raum (4 Compis, 17 Auslaender) meine Mails. Tippen auf einer franzoesischen Tastatur ist immer ein erheiterndes Suchspiel. So ziemlich alle Sonderzeichen und sogar eine Handvoll Buchstaben hat man hoechst kreativ durcheinander gewuerfelt. Kein Wunder, besitzt das Franzoesische ja eine beeindruckende Vielfalt an Zusatzbuchstaben, die alle irgendwo untergebracht werden wollen. Am Abend gelingt mir noch ein Coup: Die Residence verfuegt ueber Telefone auf jedem Flur. Moechte man einen Haeftling anrufen, so waehlt man den Pfoertner an, der das Gespraech dann in den jeweiligen Flur durchstellt, woraufhin das Telefon dort klingelt. Damit der Adressat auch weiss, dass es fuer ihn ist, ertoent in dem jeweiligen Zimmer ausserdem ein Summton. Durch dieses hoechst redundante Verfahren erfaehrt also nicht nur der Angerufene, dass jemand mit ihm sprechen will, sondern auch gleich der ganze Flur, dass jemand anruft. Gluecklicherweise befindet sich hinten am Telefon ein Schalter, mit dem man den Ton runterdrehen kann. Das habe ich jetzt erstmal hoechst eigenmaechtig vorgenommen, und im Flur ueber mir gleich mit. 2002-09-26 Kurz nach Mitternacht: Ich quaele mich aus dem Bett. Heute gehe ich zur Prefecture, um meine Aufenthaltsgenehmigung zu beantragen. Seit Tagen schon sammele ich fleissig die benoetigten Dokumente, Bestaetigungen, Stempel und Unterschriften. Als ich um 9:15 eintreffe, stapeln sich die anstehenden Leute schon bis zur Tuer hinaus. Gluecklicherweise habe ich mir etwas zu lesen mitgenommen, sodass ich die 2 Stunden Schlangestehen tot schlagen kann, bis ich um 11:20 schliesslich dran komme. Der Gang zur Prefecture ist der langwierigste und anforderungsreichste Teil des Buerokratiegefechtes, die Kroenung quasi aller vorherigen Amtsgaenge. Deshalb bin ich auch besonders froh, als die Dame in der Glaskiste mich freundlich anlaechelt und mir erklaert, ich koenne meine Aufenthaltsgenehmigung in 3 Tagen abholen. Triumphierend laechele ich die noch anstehenden Studenten an -- wohl wissend, dass die hinteren 2 Drittel der Schlange es nicht mehr schaffen werden, bis zur Schliessung um 11:45 noch dran zu kommen. Heute teste ich die Mensa Diderot, die aehnlich umfangreiche Fuetterung bietet wie gestern das Barnave. Um 13:00 dann nocheinmal Mathe mit M Rachdi. Das Thema des Kurses scheint mir recht nuetzlich, die Chancen, dass ich Dauergast werde, steigen um ein paar Prozentpunkte. Da wir in der Maitrise nur zu siebt sind, hat der Kurs einen recht persoenlichen Charakter. Das ist die euphemisierende Umschreibung fuer: Es faellt M Rachdi sofort auf, wenn jemand nicht hingeht. Danach "Sciences du langage" mit Mme Cathiard und den Leuten der Licence zusammen. Die Dozentin gibt einen sehr ansprechenden Ueberblick ueber die Phone und Phoneme, malt schoene Bildchen mit Zungen und Zaehnen und demonstriert die diskutierten Laute auch akustisch. Ebenso wie bei den Linguistik-Kursen in Osnabrueck fehlen allerdings klare Definitionen der Begriffe. Dafuer unterhalte ich mich in der Pause nett mit den beiden Irinnen (und ernte von Virginie lobende Blicke fuer mein fuer franzoesische Verhaeltnisse anscheinend recht englisches Englisch). Danach mache ich mich auf den Weg in die Stadt, um meinen Termin zur Konto-Eroeffnung bei der Post wahr zu nehmen. Ich teste den Bus -- ein Fehler. Elend langsam quaelt sich das Vehikel durch die Blechmassen auf den Strassen. Ich komme 10 Minuten zu spaet -- was aber nicht weiter schlimm ist. Heute naemlich machte die Post ausnahmsweise um 18:00 zu --genau zu der Zeit, wo eigentlich mein Termin sein sollte. Es lebe die Fehlplanung. Also wieder nach Hause. Mit einem Fahrrad waere eine solche Nullrunde kein allzu grosser Aufwand gewesen, mit Bus und Tram aber kostet er eine Stunde. Am Abend besucht mich Paulina, der ich von meinem Erfolg bei der Post erzaehle. Danach mache ich mich auf zum Geant. Heute morgen naemlich stellte ich fest, dass ich gestern wohl mein Duschzeugs in der Dusche habe stehen lassen. Das ist natuerlich jetzt futsch. In der Tat ist beim Geant eine ausserordentliche Vielfalt an Duschpraeparaten erhaeltlich. Ich brauche eine halbe Stunde, um ein Mittel zur Haarwaesche zu finden, welches weder enthaart, noch Haarwuchs foerdert, noch nach Mandeloel riecht oder irgendwelche anderen interessanten Wirkungen hervorruft. Der Versuch, mit dem Bus heim zu fahren scheitert: Ab 20:30 wird der regulaere Busverkehr komplett eingestellt. 2002-09-27 Um 10:00 haben wir Maitrise-ler Mathe bei M Istas. Der junge Herr ist aeusserst dynamisch, spurtet im Raum umher, kuckt an die Tafel, kuckt aus dem Fenster, kuckt in die Hefte der Studenten. Wenn wir Aufgaben loesen sollen, vertreibt er sich die Zeit mit Melodien pfeifen. Es geht um Fourier-Analyse. Das ist quasi ein Heimspiel fuer die Grenoblesen, stammt der Erfinder des Verfahrens ja von hier. Wir Auslaender tun uns entsprechend schwer damit und M Istas legt uns sehr diplomatisch nahe, doch zunaechst den Kurs der Licence zu belegen. Wir werden seinem Rat gerne folgen. Um 13:00 dann Kuenstliche Intelligenz. Es geht um die Programmiersprache LISP, die ich bereits in Osnabrueck in einem Gust'schen Kurs kennenlernte. Da darueber hinaus der Dozent M Boyer von seinem Lehrstil her sowieso eine Schlaftablette ist, widme ich mich meiner Stundenplanung. Die ist naemlich nicht trivial: Nicht nur, dass die Kurse von Licence und Maitrise unter einen Hut zu kriegen sind, nein, man kann einer Kursbezeichnung auch nicht so ohne weiteres ansehen, was sich dahinter verbirgt. So heisst ein Modul beispielsweise wenig hilfreich einfach "Maths". Hinter diesem Namen verbergen sich dann verschiedene, teilweise sogar wechselnde Dozenten und mehrere, ebenfalls verschiedene Kurse. Waehrend ich mich mit diesen Schwierigkeiten beschaeftige, faellt mir auf, dass M Boyers wenig mitreissender Vortrag darueber hinaus mit erstaunlich wenig didaktischem Feingefuehl gepaart ist. Nicht nur, dass er die Uebungsaufgaben, kaum angeschrieben, selber loest, sondern er rast auch noch voellig haltlos durch den Stoff. Ohne die Programmierkenntnisse der Psychologie-Studentinnen der Licence unterschaetzen zu wollen, halte ich es fuer unguenstig, innerhalb von 2 Stunden Konzepte einzufuehren, auf die man in Osnabrueck mehrere Wochen verwendet. Aehnlich sehen das die beiden Irinnen. Wir verabreden uns fuer Sonntag fuers Kino. Am Nachmittag fahre ich in die Stadt, um einen neuen Termin fuer eine Kontoeroeffnung zu machen. Der Herr in der Post ist sehr freundlich und wir machen Dienstag fest. Danach besorge ich mir in der Touristeninformation eine Liste der Hotels: Ich erwarte Besuch von daheim. Da sich mangels Platz in meinem Zimmer nur hoechstens 1 Person + 1 Koffer gleichzeitig aufhalten koennen, ist ein Hotel vonnoeten. Ich berechne die kuerzeste Strecke durch die Stadt, die alle Hotels besucht und klappere die Etablissements dann der Reihe nach ab. Zur Zeit gibt es in Grenoble mehrere Tagungen, sodass ich froh bin, als ich in einer kleinen Strasse schliesslich eines finde, was noch ein Zimmer frei hat. Zwar ist die Uebernachtung guenstig, dafuer aber die Benutzung der Dusche kostenpflichtig. Ich ueberschlage kurz, alle wieviel Minuten man duschen koennte, ohne die Gesamtkosten teurer zu machen als ein Zimmer mit Dusche und reserviere schliesslich. Nach diesem Erfolg fahre ich nach Hause. 2002-09-28 Putztag. Heute wird die Bude mal gruendlich gereinigt. Man glaubt ja, dass man angesichts der Groesse des Zimmers innerhalb weniger Minuten damit fertig sein muesste, doch weit gefehlt. Meine Putzorgie foerdert doch betraechtliche Mengen Dreck zutage, der vermutlich mehrere Bewohner zurueckreicht. Die Gerueche im Schrank haben sich ueber die Jahre so vermischt, dass man nicht mehr genau herausfinden kann, was meine Vormieter dort genau gelagert haben -- worueber ich vielleicht ganz froh sein sollte. Mit der Spueli-Flasche male ich Muster in den Schrank und schrubbe dann gruendlich. Sodann raeume ich endlich meine Sachen richtig ein. Mithilfe eines aushaengenden Mensa-Planes habe ich herausgefunden, dass heute Abend das "Restaurant Barnave" offen hat. Da jedoch keine genaueren Oeffnungszeiten angegeben sind, gehe ich auf gut Glueck los. Die fehlende Angabe ist wohl darauf zurueckzufuehren, dass es einfach keine genauen Oeffnungszeiten gibt: Wie ich durch Warten herausfinde, macht die Mensa um 18:36 auf. Abends ist sowohl die Menge der Studenten als auch die des Essens weniger gross. Nach dem Essen treffe ich in der "Kueche" meines Wohnheimes noch ein paar Mitbewohner, die ich bis dahin nur sporadisch zu Gesicht bekommen hatte: Einen Vietnamesen namens "An", mit dem ich mich ganz nett unterhalte, sodann eine sehr lebendige Mauritianerin namens Audrey, die fliessend franzoesisch und englisch spricht und ihren Freund Sebastien (Franzose). Dann ist da noch ein Physikstudent, den ich aber schon ein paar Mal gesehen habe und wohl zum 4. Mal nach seinem Namen fragen muesste. Ich lasse es daher. Alle sind sehr zuvorkommend mir gegenueber und geben sich Muehe, langsam zu sprechen. Wenn sie sich untereinander unterhalten, steigt allerdings die Geschwindigkeit und im selben Masse sinkt mein Verstaendnis. Aber dafuer, dass es auch Zeiten gab, wo ich vor eine Tuer gerannt bin, wenn "Tirez" draufsteht, kann ich mit meinen Sprachkenntnissen wohl doch halbwegs zufrieden sein. ================================================================ Teil II ================================================================ Obiger Bericht hat in weiten Teilen meiner Bekanntschaft Mitleid und Bedauern hervorgerufen, insbesondere bezueglich meiner Wohn-Zelle. Um dem Abhilfe zu verschaffen, habe ich hier alle auftreibbaren Vorteile meiner Behausung einmal zusammengefegt: 1. Die Mensa befindet sich direkt in Hausschuh-Weite: Zwar ist die Verpflegung im "Restaurant Condillac" nur mittelmaessig, dafuer aber auch wochenendlich verfuegbar. Alle anderen Mensen schliessen ueber das Wochenende, doch Condillac kocht weiter! 2. Ab Einbrechenden des Winters habe ich das Fensterbrett zum Kuehlschrank umfunktioniert und kann mir nun hinsichtlich der Lebensmittel doch bescheidenen Luxus goennen (Wurst, Kaese). Anfangs fanden das zwar auch meine gefiederten Freunde recht interessant, doch seit die sich in Ibiza oder wo die hinfliegen in der Sonne aalen, habe ich Ruhe. Ebenfalls zur spuerbaren Verbesserung der Lebensmittellage traegt ein Toaster bei, der fast alle Brotsorten geniessbar macht. Mein momentaner Favorit ist Harry's Extra Moelleux: Bereits 5 Scheiben davon taeglich decken 22% des Vitamin B9-Bedarfs eines 10-Jaehrigen! Man trichtert dem 10-Jaehrigen also einfach 25 Scheiben Harry's Extra Moelleux pro Tag ein und schon ist sein B9-Bedarf gedeckt! Ich wage gar nicht auszurechnen, wieviel Scheiben ich essen muesste, wo ich ja doppelt so alt bin -- allerdings wird ja gerade B9 auch haeufig unterschaetzt! 3. Das Bett ist ebenfalls viel besser geworden, insbesondere seit es senkrecht hinter dem Schreibtisch steht. Ich selbst schlafe auf dem Boden und habe seitdem auch keine Rueckenschmerzen mehr. Dank importierten Kopfkissens wird fast heimatlicher Schlafkomfort erreicht. Etwas unguenstig nur, dass mit dem Bett auch die einzige Sitzgelegenheit im Zimmer verschwunden ist: Wenn mich ein Nachbarinsasse besucht, bringt er daher seinen Stuhl mit. 4. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein zimmereigenes Waschbecken die Hemmschwelle zum 3-mal taeglich Zaehneputzen merklich senkt. 5. Die Duschen funktionieren! In der Tat ist eine Dusche durchaus geeignet, den Menschen nach fruehem Aufstehen wieder versoehnlich mit der Welt zu stimmen. Ab und zu fallen zwar die Duschkoepfe ab, aber bisher wurde noch niemand toedlich getroffen. Zugegebenermassen war auch schonmal jemand 1 Stunde lang in der Dusche eingesperrt, aber warum geht man auch in die Dusche, wenn man doch sieht, dass die Klinke von der Tuer abgefallen ist? 6. Ein simpler Mehrfachstecker ermoeglicht mir den Betrieb von Computer und Musikboxen, welches wesentlich zur Lebensqualitaet beitraegt. Allerdings kann ich nicht gleichzeitig toasten und Wasser kochen. Ich war sehr beruhigt, als ich feststellte, dass in einem solchen Fall nicht im ganzen Gebaeude, sondern nur in meinem Zimmer die Sicherung rausfliegt. 7. Das Laermniveau hat sich spuerbar gesenkt. Dieses ist einerseits ruecksichtsvollen Mitbewohnern zu verdanken, andererseits auch meiner Entdeckung, dass die Tueren in Condillac nicht ueber eine haushaltsuebliche Gummidichtung verfuegen. Was andernorts jede Zimmertuer hat, konnte ich hier im Geant erstehen und nach Anleitung ("Kante C an Nippel D" usw.) einbauen. Es muss auch gesagt werden, dass meine laermproduzierenden Mitmenschen immer sehr einsichtig sind, wenn ich um etwas Ruecksicht bitte (dieses ist z.B. so gegen 3:00 Uhr der Fall). In diesem Reigen ist noch die Stimme der Putzfrau zu erwaehnen, deren nervtoetend hohe Frequenz Tuer und Dichtung ungehemmt durchdringt. Dafuer konnte ich sie durch hartnaeckiges Vormachen anlernen, die Tuer zu schliessen, wenn sie in der Kueche gegenueber meines Zimmers telefoniert. 8. Ein Erste-Hilfe-Paket meiner Lippstaedter Clique spendete das Noetige zum Verdecken der Loecher in Wand und Tapete: Wo einst die unschoene Tapete die noch weniger schoene Wand freigab, pappen nun Fotos und Weihnachtsdekorationen. 9. Sorgen meiner Grossmutter bezueglich der nicht funktionierenden Heizung kann ich abschwaechen. Es ist in der Tat gut, dass ich nicht versuchte, die Heizung mit der Zange anzustellen, wird die Heizung ja zentral von der Wohnheimverwaltung gesteuert. Die Waermeregulierung erfolgt wetterunabhaengig: Per Dekret ist ab dem 15.10. Wintereinbruch und es wird geheizt, was das Zeug haelt. Die Temparatursteuerung innerhalb des Zimmers wird durch das Fenster vorgenommen: Fenster auf = kalt, Fenster zu = warm. Und man kann sich nicht beschweren, sie wuerden sparen, sie meinen es wirklich gut (jedefalls schmilzt die Nutella). Nun soll nicht der Eindruck entstehen, man sei hier nicht umweltbewusst: In Condillac wird Muell getrennt! Man unterscheidet im Wesentlichen zwischen Glas und Restmuell. Letzterer wird mehrmals woechentlich fruehmorgens von einem Muellwagen abgeholt, der beim Rueckwaertsfahren nervzerreissend fiept. Damit soll verhindert werden, dass nachts um 5:00 Uhr ein Student von einem rueckwaertsfahrenden Muellauto ueberrollt wird -- was ja auch in der Tat auch noch nie vorgekommen ist. Mit den Leuten hier komme ich ausserordentlich gut klar: Der Franzose an sich ist freundlich und unheimlich hoeflich -- jedenfalls alle Exemplare, die ich bisher kennengelernt habe. Selbst ueber meine groessten Sprachpatzer wird nie gelacht (oder zumindest nicht in meiner Anwesenheit). Wenn ein Franzose laut schluckt, entschuldigt er sich. Wenn ich eingeladen bin, bieten mir die Gastgeber selbst an, mich nach Hause zu bringen. Die Begruessung, bei uns im Norden meist einfach durch Zunicken geregelt, erfolgt hier stets -- nach Geschlechtern getrennt -- entweder durch Haendedruck oder durch die "Bise". Ebenso sagt man selbst unter Jugendlichen stets "Guten Tag". Ich glaube ich war unhoeflich, als ich meinen Dozenten einfach "Salut" sagte, das muss so aehnlich sein wie "Hi". Und wenn man erstmal begriffen hat, dass die Leute auf "Ca va, wie geht's?" nicht wirklich eine Antwort hoeren wollen, gestaltet sich auch ein Treffen im Vorruebergehen weitaus unkomplizierter. Mittlerweile dutzt mich Camille auch. Wesentlich zu meiner Integration in die Licence beitragen konnte ein Java-Kurs, den ich gab. Aufgrund des durchaus zuegigen Tempos der Informatik-Vorlesung von M Caylux blieben hier zahlreiche Java-Schaefchen auf der Strecke. Diese scharte ich um mich und leuchtete ihnen einmal pro Woche die Tiefen der objektorientierten Programmierung aus. Praktischerweise erlaubte die Veranstaltung allen Beteiligten eine Erweiterung ihrer Sprachkenntnisse -- den Informatik-Rittern in Java und mir in Franzoesisch. Nun ist das mit der Computerei nicht so trivial wie man denken mag: Man nimmt nicht etwa einfach ein englisches Wort, spricht es falsch aus und hat die franzoesische Uebersetzung (so wie das auf deutsch der Fall ist) -- nein, jeder Begriff hat sein ihm eigens von der Academie Francaise abgesegnetes Aequivalent. Fuer Java-Kenner: Es heisst nicht etwa "s.substring()", sondern "s point sous-chaine". Man entwickelt sogar franzoesisch-sprachige Programmiersprachen -- die allerdings merklich daran kranken, dass die Syntax einer Programmiersprache keinerlei Ruecksicht auf Artikel/Nomen/Adjektiv-Angleichungen nimmt, an denen es der franzoesischen Sprache ja bekanntlich nicht mangelt (Beispiel eines Programmiersprachenkonstruktes: "C est-un classe", dieses Beispiel ist nur fuer die witzig, die wissen dass "Classe" feminin ist und ein "une" haben will). Abgesehen davon muss man der franzoesischen Sprache allerdings zugute halten, dass ihre Aussprache ganz und gar nicht so willkuerlich um ihr Schriftbild wabert, wie man in der Schule immer den Eindruck hatte: Ganz im Gegenteil existieren recht eng umgrenzte Laute (wenn auch darunter ein paar Nasale, aber nun gut) und die Abbildung von Buchstabenfolgen auf Phoneme ist fast immer eindeutig. Das mit den Nasalen habe ich auch mittlerweile spitz: Es genuegt, wenn man 3 Stueck auseinander halten kann. Diese muss man allerdings beherrschen, da jeder dieser Nasale bereits ein Wort ausmacht (Hallo Linguisten, hier ist ein Minimales Tripel: "un", "en", "on"). Besonders einfach ist die Unterhaltung mit einem Suedfranzosen, da dieser nicht nur brav alle die Buchstaben ausspricht, die der Pierre-Normalfranzose wegrationalisiert, sondern darueber hinaus auch jeden Nasal mit einem "N" versieht ("un bon bain" spricht sich "oeng bong beng"). Was die Studienplanung angeht, so ist hier etwas Flexibilitaet gefragt. Im Studiengang ueber uns wird beispielsweise der Stundenplan woechentlich geaendert und am schwarzen Brett ausgehaengt. So schlimm ist es bei uns nicht: Immerhin konte man uns bereits eine Woche vor Semesterbeginn einen Plan aushaendigen -- mit dem Vermerk "provisorisch". Wie sollte es auch anders sein, ist ja die Kursverteilung hier gelinde ausgedrueckt dynamisch: Einige Kurse fangen mitten im Semester an, andere hoeren mitten im Semester auf, die Kurse enthalten verschiedene Faecher und Dozenten, werden wie im Zauberwuerfel hin und her geschoben, fallen aus, weil jeder Dozent dachte, der andere sei gerade dran und verfuegen abgesehen davon ueber keinerlei ECTS-Auszeichnung. Aber man werde sich schon arrangieren, "Il n'y a pas de souci". Trickreich ebenfalls, dass die Studiengaenge Licence und Maitrise unterschiedliche Semesteranfaenge und -enden haben, jedoch einige Kurse gemeinsam haben. Diese ragen dann halt aus dem alten Semester in das neue hinein. Das ist aber auch nicht weiter schlimm, weil das mit den Semesterdaten sowieso eher spontan gehandhabt wird: Das Semester geht von "Fin Septembre" bis "Fin Mars", also Ende September bis Ende Maerz. Voellig anders allerdings die Klausurenplanung: Diese wird zentral von der Uni vorgenommen und laeuft in allen Studiengaengen gleich ab. 2 Wochen vorher werden die Klausurtage ausgehaengt und jeder Student erhaelt einen Plan mit allen seinen Klausuren, dem Raum, der Zeit und dem Dozenten. Ausserdem gibt es kleine Broschueren "Wir schreiben eine Klausur" (oder so aehnlich), die erklaeren, welche Rechte und Pflichten Student und Dozent haben. Eine Viertelstunde vor Klausurbeginn betritt eine Verwaltungshilfskraft den Raum und legt Klausurboegen auf jeden Platz. "Klausurboegen" heisst: Einen Mantelbogen, ein Innenblatt und 2 Schmierzettel. Die Schmierzettel der ungeraden Plaetze sind gelb, die der geraden Plaetze rosa. An der Tuer ist eine Namensliste ausgehaengt, in der jeder seinen Platz ausfindig machen kann. Alle Sitzplaetze sind nummeriert. Man setzt sich und traegt auf dem Klausurbogen ein: Seine Sitzplatznummer, seine Identifikationsnummer laut Namensliste, den Studiengang, das Modul und das Fach. Letzteres ist immer etwas chaotisch, weil nie so ganz klar ist, was der Name des Faches oder des Moduls ist, also traegt jeder ein, was er weiss. Jetzt der Trick: Name und Matrikelnummer werden auf die rechte obere Ecke geschrieben. Diese wird dann umgeklappt und wie beim Briefumschlag mit Schleck&Papp fixiert. Aus diese Weise ist garantiert, dass der Dozent beim Korrigieren nicht seine Lieblingsstudis bevorzugt oder weniger beliebte Studenten benachteiligt. Ich habe ungefaehr 4 Klausuren gebraucht, um das alles zu begreifen. Mit der Veroeffentlichung der Klausurnoten gibt man sich allerdings weitaus weniger Muehe: In Osnabrueck werden die Noten bekanntlich nur mit Matrikelnummer ausgehaengt, einige Dozenten vergeben sogar Nummern, unter denen man dann seine Note wiederfinden kann und wieder andere fordern die Studenten auf, sich selbst eine 4-stellige Nummer auszudenken und diese als Referenz auf der Klausur zu vermerken (letzteres mit Spassfaktor bei Nummerngleichheit). Das alles entfaellt in Grenoble, die Noten werden einfach unter Vernachlaessigung saemtlicher Ideale von Daten- und Persoenlichkeits-Schutz mit Namen ausgehaengt. Die Noten selber werden auf einer Skala von 0-20 vergeben -- zumindest theoretisch. Da die Faelle 0 und 20 einer schriftlichen Begruendung beduerfen, behilft man sich meist stattdessen zwecks Reduzierung des Verwaltungsaufwandes mit 0,5 und 19. Ueberhaupt ist der obere Rand des Notenspektrums ausserordentlich duenn gesaet: Ab 12 Punkte hat man bereits eine "Mention" (Notenzusatz) und es gab Klausuren mit 5 oder 3 Punkten -- im Mittel, wohlgemerkt. Hinsichtlich der Klausurenplanung sei noch hinzugefuegt, dass die zentralisierte Organisation die Verwaltung nicht davon abhaelt, alle Klausuren in dieselbe Woche zu quetschen. Das macht dann in 3 Tagen 6 Module, sprich 13 Klausuren. Um dem geneigten Leser ein wenig zu praezisieren, was man sich denn unter dem Studium der "Technologies de la Connaissance" vorzustellen hat, ist es vielleicht angebracht, die Studieninhalte kurz vorzustellen. In der Tat passen Grenobler und Osnabruecker Interpretation des Studienfachs ausserordentlich gut zusammen, was ja angesichts der Seltenheit des Studiengangs schon als Besonderheit betrachtet werden kann. Zunaechst einmal habe ich mich entschieden, den Statistik-Kurs von M Rachdi weiterzuverfolgen -- und dieses war eine auesserst lohnende Entscheidung, da einem hier einmal gezeigt wird, dass Vektoren, Matritzen und Eigenwerte doch tatsaechlich zu etwas nuetze sind! Anstatt sich wie in der Osnabruecker Algebra-Vorlesung abstrakt durch n-dimensionale Raeume zu schwingen, laesst man hier Formelwust auf Datenwust los und erhaelt nach kurzem Kampf beispielsweise eine 5-zeilige Beschreibung einer 6-jaehrigen Datensammlung -- was ja durchaus Anwendung finden kann. Als ebenso beglueckend erwies sich der Kuenstliche-Intelligenz-Kurs von M Gensel. Hier geht es um "Constraint Satisfaction Problems", oder anders: Man hat ein Problem mit den und den Anforderungen, den und den Bedingungen, den und den Zusatzforderungen und den und den Randbesonderheiten und wo der Normaldenkende heillos aufgeschmissen ist, gibt es Algorithmen und Techniken, selbst solchen Problemkomplexen zu Leibe zu ruecken. Anwendung findet dies beispielsweise in der Produktionstechnik, in der Ressourcenplanung oder (an anderen Unis) in der Stundenplanung. Weit weniger spannend ist der Kuenstliche-Intelligenz-Kurs von Mlle Zara, der im Wesentlichen aus dem Abschreiben des Skriptes besteht: Mlle Zara kopiert auserwaehlte Skriptsaetze rechtschreibfehlerversehen an die Tafel und 38 Studenten kopieren die Saetze dann in ihre Hefte. Am Ende des Kurses wird das Skript dann zu allem Ueberfluss allen Studenten ausgehaendigt. Die Sprechrate der Dozentin liegt rein rechnerisch bei einem Satz alle 1,3 Minuten. Den Kurs "Schnittstelle Mensch/Maschine" musste ich leider aufgeben: Dort wird die uebersichtliche Gestaltung des Bildschirms diskutiert und am Ende des Kurses koennen die Studenten den Bildschirm wohl uebersichtlicher gestalten als der Dozent seine Tafel. Dafuer erwies sich ein Kurs ueber Datenbanken als sehr gewinnbringend. Zwar haben die Wuerfel der Verwaltung den Kurs in 5 Sitzungen gezwaengt, was die Informationsrate pro Minute fast ueber das verdaubare Niveau treibt, aber dafuer lernt man hier, wie man beispielsweise eine Unternehmensstruktur rechnertauglich beschreibt und dem Computer einfloesst. Sodann erlaubt einem die Wunderkiste die Verwaltung des Kundenstammes, der Warenbestaende und der Mitarbeiterdaten. Meiner persoenlichen Ansicht nach gliedert sich selbst ein solch wirtschafts-orientierter Kurs neben seiner Nuetzlichkeit auch recht leidlich in das Konzept der kuenstlichen Intelligenz, deren Ziel ja unter anderm die formale Beschreibung von Realitaet, Wissen und Schlussfolgerungen ist. Ebenfalls der formalen Beschreibung der Realitaet dienen sogenannte "Graphen". Hier handelt es sich nicht etwa um Rueckstaende der Feudalgesellschaft, sondern um ein mathematisches Konstrukt in Form eines Netzes. Laesst sich irgendein weltliches Problem mit geeignetem Interpretationsaufwand als ein solches Netz auffassen, so kann man es mit einer Fuelle von Algorithmen und Spitzfindigkeiten attackieren und meist auch loesen. Als Netz interpretierbar ist beispielsweise die Frage, wie man eine Handlungsreise so plant, dass alle Staedte mit minimalen Wegkosten erreicht werden, aber ebenso die Frage, wie man Mitarbeiter so in Arbeitsgruppen aufteilt, dass es keine sozialen Konflikte gibt. Etwas weniger ernsthafte Ergebnisse der Graphentheorie sind der Beweis, dass man das Haus vom Nikolaus nicht mit der Dachspitze anfangen kann oder dass es auf einer Fete stets 2 Leute gibt, die die gleiche Anzahl von anwesenden Bekannten haben. Zur Rechtfertigung der scheinbaren Nutzlosigkeit meines Studienganges sei an dieser Stelle kurz vermerkt, dass gerade die oft himmelschreiende Abstraktheit der Studieninhalte wie in vorgenanntem Beispiel doch in ueberraschend vielseitigen Bereichen Anwendung finden kann. Ebenso anwendungsbezogen, leider aber didaktischer Restmuell war das Seminar zum Thema Internetprogrammierung. Zwar kann man hier die Computer zur Kommunikation animieren und lustige Chat-Programme schreiben, dieses allerdings nur, wenn man bereits vorher einen Internetprogrammierkurs belegt hat (InfoB). Fuer etwas Auflockerung der mathematisch-informatischen Strenge sorgen die Linguistik-Kurse: Den Phonetik-Kurs habe ich mit allen seinen Vokalen und Nasalen bereits hinter mir gelassen, es folgten Semantik, Spracherkennung und Syntax. Insbesondere der Semantik-Kurs spielt mit seinen Pseudoformalismen wie ein Baby mit seiner Rassel nach dem Motto "Ich will auch eine Naturwissenschaft sein!". Da verfuegt die Syntax schon ueber etwas bessere Formalismen: Im Wesentlichen versucht sie, die Saetze der Sprache mit einer Struktur aus Grammatikregeln zu beschreiben. Wenn die Grammatikregeln dann einen andern Satz ergeben als die Sprache, behilft man sich mit sogenannten "Deplacements", d.h. man schiebt die Woerter so lange hin und her, bis sie in der richtigen Reihenfolge sind. Das entbehrt fuer den Debuetanten zwar oft nicht einer gewissen Willkuerlichkeit, ist aber die bislang beste Theorie, um Satzstrukturen, Wortflexionen, Fragebildung und Wortpositionen zu erklaeren -- und hier hat man ja gerade als deutscher Student hinsichtlich der franzoesischen Sprache in der Tat oft Erklaerungsbedarf. Die Spracherkennung hingegen beschaeftigt sich mit der Analyse des gesprochenen Wortes durch den Computer. Was fuer den Menschen voellig selbstverstaendlich ist, muss dem binaeren Freund muehselig beigebracht werden: Wie werden die einzelnen Laute produziert, wie setzt der Mensch sie zu Woertern zusammen und wie kann man aus einem Amplitudendiagramm erraten, was fuer ein Satz sich dahinter verbirgt. Erste Frage aller Grenoble-interessierten deutschen Studenten ist aber selten der Kursinhalt, sondern vor allem das Wetter. Deshalb: Ja, es schneit, ja, man kann Skifahren und ja, Grenoble ist ein Alpinistenparadis. Ich selbst profitiere davon hauptsaechlich durch ausgedehnte Wanderungen und Bergbesteigungen, bei denen man unter guenstigen Verhaeltnissen sogar einen Blick auf den Mont Blanc erhaschen kann. Was das Skifahren angeht, so taste ich mich, da beileibe kein Kufenkenner, Schritt fuer Schritt an die Materie: Zunaechst durch Schlittenfahren (dem ein gewisser Vergnuegungseffekt nicht abgesprochen werden kann), und sodann durch Langlaufski. Ich kann mir wenig Dinge vorstellen, die noch langweiliger sind als Langlaufski: Man stellt sich in die Rinne und schiebt sodann 2 Stunden lang einen Fuss vor den anderen. Bei ungerader Anzahl von Beteiligten wird zudem dadurch, dass nur 2 Rinnen nebeneinander sind, jegliche Unterhaltung mit dem Letzten wirkungsvoll unterbunden. Ob ich nach meinem ersten Pistencrash dann doch reumuetig zum Langlaufski zurueckkehre, wird sich noch zeigen. Ansonsten ist das Wetter den Grossteil der Zeit so, wie es sein soll: Zwar kalt, aber sonnig, zwar winterlich, aber trocken. Das ist auch gut so, denn jeglicher Regentropfen bringt den Campus an den Rande des Ausnahmezustands. Ungluecklicherweise hat man naemlich auf dem Reissbrett vergessen, dass es auch mal regnen koennte und so verfuegt das Gelaende augenscheinlich ueber keinerlei Kanalisationssystem. Dieses hat zur Folge, dass bereits bei fuer deutsche Verhaeltnisse vernachlaessigbaren H2O-Mengen die Strassen, Plaetze und Wege einfach volllaufen. Von meinem Fenster beobachte ich dann, wie die auf Reinlichkeit bedachten Franzosen mit hochgezogenen Hosenbeinen durch die Matsche staken. Da mein Fahrrad bei solchen Wetterverhaeltnissem hauptsaechlich als Dreckschleuder fungierte, nahm auch ich fuer kurze Zeit an der allgemeinen Schlammschlacht teil, allerdings auch nur so lange, bis es mir geklaut wurde. Im ersten Teil des Tagebuchs erwaehnte ich eine Einfuehrungsveranstaltung fuer die Erasmus-Studenten meines Studienganges. Diese hat nie stattgefunden. Dafuer gab es im Oktober (als also bereits alle buerokratischen Huerden ueberwunden oder aufgegeben waren) einen Auslaenderempfang. Zu diesem Zwecke pferchte man all die lieben Fremdlinge in einen Raum, fuetterte sie mit Kuchen ab und setzte sie wieder vor die Tuer. Waehrend des allgemeinen Buffetgefechtes trat kurz der Praesident der Universitaet auf den Plan, verkuendete, er sei stolz uns an der besten Uni Frankreichs mit dem besten Erasmusprogramms Frankreichs begruessen zu duerfen und machte sich sodann wieder vom Acker. Das war aber auch bereits alles, was ich waehrend meines Studiums hier von dem besten Erasmusprogramm Frankreichs gehoert habe. Lobenswerte Ausnahme ist hier ein Kurs ueber die "Societe Francaise", in dem allwoechentlich franzoesische Kultur, Geschichte und Politik vermittelt werden. Ansonsten aber ist der "etudiant etranger" eher zufaellig im Studium anwesend, man freut sich fuer ihn, wenn er eine Behausung findet, man legt ihm keine Steine bezueglich der Kurswahl in den Weg, aber jegliche Unterstuetzung beschraenkt sich auf das Austellen des Studentenausweises. Durchaus mit hoeflichem Interesse, aber mit Befremden nimmt man zur Kenntnis, dass andere Unis anscheinend ueber Auslaendertreffen, organisierte Fahrten fuer Erasmusstudenten und Hilfestellung beim Stempelsammeln verfuegen. Um die Neuankoemmlinge zumindest dieses Semester mit dem Noetigsten auszustatten, organisierte ich selbst ein Treffen, mailte Hotellisten fuer die Wohnungssuchenden, teilte Stadt-, Bus- und Campus-Plaene aus und erklaerte die Schritte 0 bis 101 des buerokratischen Weges vom Auslaender zum Fast-Franzosen. Es bleibt zu hoffen, dass Grenoble vielleicht bald die Qualitaet seines Auslaenderprogramms der Qualitaet seiner Lehre und Uni angleicht.